Die Premiere der Dokumentation Liverpool 2008 – Capital of Vulture fand bereits im Herbst 2011 im Rahmen des Festivals urbanize! statt. Der Film wirft einen kritischen Blick auf das Konzept der Kulturhauptstadt am Beispiel Liverpools. Nun wird der Film während des bi-annualen Festivals Soho in Ottakring am 16. Mai 2012 erneut in Wien gezeigt und diskutiert. Der Filmemacher und Stadtforscher Jürgen Cyranek gibt Auskunft über das Projekt, das er zusammen mit Rebecca Cyranek und Claudia Christen realisierte.


Die Dokumentation Liverpool 08 – Capital of Vulture beschäftigt sich mit dem Konzept Europäische Kulturhauptstadt, das ein fixer Bestandteil der europäischen Kulturpolitik ist. Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Während meines Masterstudiums Geographie der Großstadt nahm ich an einem Projektseminar teil, dessen Schwerpunkt auf der Entwicklung der schrumpfenden zur kreativen Stadt am Beispiel Liverpools und Manchesters lag.
Zu Forschungszwecken sind wir vor Ort in Liverpool gewesen und obwohl sich unsere damalige Untersuchung nicht auf das Thema Europäische Kulturhauptstadt 2008 konzentrierte, kam dieses Thema in den Gesprächen sehr häufig auf. Unter den Künstlern war ein großer Unmut über das Event und dessen Auswirkungen zu spüren.
Zurück in Berlin, stand für mich schnell fest, dass ich für meine Abschlussarbeit noch einmal nach Liverpool zurückkehren wollte. Dieses Mal sollte das Konzept Europäische Kulturhauptstadt und dessen Bedeutung für eine kulturbasierte Stadterneuerung Liverpools im Mittelpunkt stehen.

Auf welchen Aspekten beruht dein Forschungsinteresse?

Ich war einerseits sehr gespannt darauf, die Stimmen der Künstler zu hören, und andererseits jene zu befragen, die unmittelbar an der Ausrichtung und Organisation des Konzeptes Kulturhauptstadt beteiligt waren. Als Forscher mit dem Schwerpunkt Stadt ist es mir ein großes Anliegen, meine Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist mit dem Medium Film sehr viel leichter möglich ist als mit wissenschaftlicher Literatur.
Die Filmproduktion basiert inhaltlich auf meinem theoretischen Fachwissen und den vor Ort gewonnenen Ergebnissen, unterstützt wurde ich von meiner Frau Rebecca, die sich für einen großen Teil der Filmaufnahmen verantwortlich zeigt und von Claudia Christen in organisatorischen Angelegenheiten und bei Übersetzungsfragen. Im Schnitt entwickelte ich dann die Dokumentation – und bin schon jetzt auf das Feedback der Zuschauer und die daran anschließende Podiumsdiskussion gespannt.

Die Stadt Liverpool hat sich erfolgreich als Capital of Culture 2008 beworben. Welche Maßnahmen seitens der Stadtentwicklung und Politik resultierten daraus für die freie Kunstszene der Stadt?

Der Wunsch der Stadtverwaltung war, das Image der Stadt zu verbessern und das Interesse von Investoren zu wecken. Diesen Zielen wurde alles weitere untergeordnet. Als 2003 fest stand, dass die Stadt Liverpool der Ausrichter für die Kulturhauptstadt 2008 werden würde, beschäftigen sich die beiden Wissenschaftler der University of Liverpool Stuart Wilks-Heeg und Paul Jones (letzterer ist auch ein Interviewpartner in meinem Film) bereits vorab mit der Bedeutung, welche dies für die lokale Kulturszene haben könnte .*

Bereits 2004 warnten sie davor, dass die Stadtverwaltung im Rahmen der Ausrichtung des Events die freie Kunstszene ignorieren könnte und damit deren Lebensraum gefährden würde. Die Wissenschaftler befürchteten, dass alle vorab gemachten Versprechungen, wie z.B. die Einbindung der Kunstszene und der örtlichen Bevölkerung im allgemeinen, nur dazu dienten, das Entscheidungskomitee bei der Wahl zur Kulturhauptstadt positiv zu stimmen.

Liest man den Artikel von Jones und Wilks-Heeg aufmerksam, schaut sich meine Dokumentation an oder spricht mit den Künstlern vor Ort, bleibt kaum etwas anderes übrig, als der Stadt dafür zu gratulieren, vieles falsch gemacht und die im Vorfeld geäusserten Befürchtungen bestätigt zu haben.
Die alleinige Ausrichtung auf die Interessen der Investoren, vor allem der Bau eines Shoppingcenters, Liverpool One, im Herzen der Stadt mit einem Pachtvertrag von 250 Jahren, und die damit verbundene Vertreibung von Künstlern durch steigende Mieten (die lokalen Vermieter versprachen sich ebenso eine große Nachfrage nach Immobilien als Folge der Ausrichtung), entsprach in keiner Hinsicht einer Förderung der lokalen Kunstszene.

Welche Ziele verfolgt das Konzept Kulturhauptstadt – was kann dieses Konzept leisten und was zerstört es?

Ursprünglich bestand das 1983 beschlossene und 1985 erstmalig aufgeführte Konzept der European Capital of Culture – von 1983 – 1999 hieß sie offiziell noch European City of Culture – darin, die eigene kulturelle Vielfalt dem restlichen Europa zu präsentieren, Gemeinsamkeiten mit den Kulturen der anderen Ländern Europas darzustellen und für das eigene Land zu werben.
Gefördert wird diese Ausrichtung auch seitens der EU, jedoch ist diese Fördersumme von ca. 500.000 – 900.000 Euro im Vergleich zu dem finanziellen Aufwand, der von den Ausrichtersstädten betrieben wird – Liverpool investierte insgesamt ca. 130 Millionen Euro! – nur marginal.

Eine Umdeutung erfuhr das Konzept der Kulturhauptstadt im Jahr 1990, als Glasgow durch dessen Ausrichtung das Image der alten Industriestadt ablegen und sich das einer kreativen Stadt anheften konnte. Von diesem Zeitpunkt an stieg die Bedeutung der Capital of Culture für Stadterneuerungsprozesse enorm. Das Komitee, welches über die englische Ausrichtung entscheiden sollte, hatte das Beispiel Glasgow bei der
Entscheidung für Liverpool im Hinterkopf. Man erhoffte sich, Liverpool auf lange Sicht wieder attraktiv zu gestalten können und die Stadt aus ihrer misslichen wirtschaftlichen Lage zu befreien.
Bereits seit einiger Zeit wird kritisiert, dass es bei der Ausrichtung der Kulturhauptstadt nicht mehr um das eigentliche Ziel geht – die Bewerbung der eigenen Kultur und die Verknüpfung mit anderen Ländern – sondern vielmehr um die Förderung wirtschaftlicher Interessen.

Wie lassen sich die Reaktionen der freien Szene vor dem kolonialistischen Ansiedlungskonzept der Stadt Liverpool erklären?

Eine Umsiedlung erfolgte nur als Folge der Ausrichtung der Kulturhauptstadt. Zentral gelegene Künstlerateliers und Studios wurden durch steigende Mieten für Künstler unerschwinglich. Im Vorfeld der Ausrichtung gab es zwar Gespräche mit den Künstlern – es wurde gefragt, was sie sich von der Kulturhauptstadt versprechen und wünschen – jedoch wurde keiner der erwähnten Punkte wie z.Bsp. Sicherheit bei dem Erhalt ihrer Ateliers, Unterstützung oder Werbemaßnahmen umgesetzt.
In Folge der Umsiedlung entstand das Kreativquartier Baltic Triangle. In den Gesprächen die ich geführt habe, konnte ich jedoch nicht herausfinden, ob dieses Quartier von Seiten der Stadt eingerichtet wurde, oder aber, ob andere Akteure dies entwickelten.

Welche Rolle spielte die Kritik der Kunst- und Kulturschaffenden an der kommerziellen Vereinnahmungspolitik?

Alle Künstler, mit denen ich sprach, äußerten sich negativ gegenüber der Kulturhauptstadt und der Politik der Stadt. Vor allem die freie Szene sah keinerlei Gewinn für sich in der Ausrichtung des Events. Angesprochen wurde vor allem die Ignoranz der Stadtverwaltung gegenüber der Rolle und Bedeutung der Künstler für eine Stadt wie Liverpool. Missmut und Enttäuschung ob der ihnen fehlenden Anerkennung und des von der Stadt gesetzten Fokusses schwang eindeutig mit.
Anstatt die lokale Kultur zu präsentieren, die gerade in Liverpool sehr präsent ist, wurden externe Künstler nach Liverpool gebracht, um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Lassen sich für die Zukunft aus dem Beispiel Liverpool 08 Maßnahmen für eine langfristig gerechtere städtische Entwicklung ableiten?

Eine dauerhaft positive Auswirkung für die städtische Entwicklung ist nur dann gewährleistet, wenn die Zielsetzung nicht allein auf den wirtschaftlichen Erfolg gerichtet ist. Es ist also zwingend erforderlich, sowohl die lokale Bevölkerung einzubinden, als auch – wie es bei der Ausrichtung eines KULTUR(!)festivals zu erwarten sein sollte – die kulturelle Basis der Stadt.
Meiner Meinung nach wurde im Falle Liverpools von Seiten der Organisatoren zu groß gedacht. Man ignorierte die Basis und zerstörte damit zum Teil den Lebensraum der Kreativen.

Schließen sich wirtschaftlicher Erfolg und partizipative Beteiligung der Kulturszene am Beispiel der Kulturhauptstadt gegenseitig aus?

Angesichts des Konzeptes Kulturhauptstadt ist das schwierig zu sagen: In Zeiten von schrumpfenden Städten ist es naiv, zu erwarten, dass eine Stadtverwaltung den Fokus nicht allein auf den ökonomischen Erfolg legt. Der Erfolg großer Projekte und Veranstaltungen muss schnell erfahrbar sein. Da bietet es sich natürlich an, neue Arbeitsplätze durch den Bau eines Shoppingcenters zu schaffen. Auch der Bau neuer Büro- und Wohngebäude lässt sich kurzfristig gut präsentieren. Ganz im Gegensatz zur Förderung einer kulturellen Basis und deren Unterstützung bei der Aufwertung eines brachgefallenen Quartiers – diese Maßnahmen können auch gerne mal ein Jahrzehnt dauern.

Es ist für eine Stadt bequemer, das bereits bestehende Image des Konzeptes Stadt der Kultur und Kreativität zu adaptieren, um die Chancen auf die Ausrichtung eines Kulturevents zu erhöhen und in diesem Rahmen Stars zu präsentieren, sich mit deren Ruhm zu schmücken und das eigene Image noch mehr zu polieren. Die Schäden für die kulturelle Basis nimmt man gerne in Kauf oder man nimmt sie gar nicht erst wahr. Was schlimmer ist, kann ich kaum sagen.

Der bessere Weg wäre wohl, die kulturelle Szene einer Stadt von Grund auf in das Projekt mit einzubinden. Dazu gehört, deren Vorschläge zu hören und aktiv aufzugreifen, langfristig zu denken und eine nachhaltige Stadtentwicklungspolitik zu betreiben.
Die freie Kunstszene sollte nicht nur als Aushängeschild benutzt werden, man sollte sie aktiv unterstützen und sie nicht fallen lassen, sobald sich die Möglichkeit ergibt, einen Investor einen Investor an Land zu ziehen. Das schließt den Bau eines Shoppingcenters nicht aus, erfordert jedoch eine starke Verknüpfung zwischen Kultur- und Stadtentwicklungspolitik und damit die Stärkung der Kunstszene und die Anerkennung der Künstler als Akteure innerhalb der Stadtentwicklung.

Der Einsatz von Bildern konstruiert nicht nur das visuelle Bild der Stadt sondern oftmals auch ein klischeehaftes Image. Inwiefern seid Ihr als Filmemacher kritisch mit dem Einsatz von Bildern umgegangen? Welches Bild von Liverpool zeigt der Film?

Diese Konstruktion von Städten mit Hilfe von Bild und Ton benötigt in der Tat eine kritische Reflexion. Ein vollkommen objektives Bild zu zeichnen, ist natürlich nicht möglich. Meine eigenen Vorlieben dessen, was für mich persönlich eine Stadt ausmacht, diese dann zu filmen und zu präsentieren, das alles fließt sicherlich zu einem gewissen Teil in das Endprodukt ein. Ich persönlich liebe zum Beispiel die brachgefallenen Hafengebiete ebenso wie die leerstehenden Reihenhaussiedlungen.
Bei einem Einwohnerverlust Liverpools von rund 50% seit dem Ende des 2. Weltkrieges gehören diese Bilder natürlich auch in eine Dokumentation über diese Stadt. Gleichzeitig erfordert diese Tatsache aber auch, die andere, ebenso existente Seite Liverpools zu zeigen: Den Teil der Stadt, der nicht leerstehend ist und ebenso die Objekte, die vorher leer standen und mittlerweile kreativ nachgenutzt werden.
Es existierte zwar ein grober Drehplan, aber es ist immer wichtig, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und bereit für neue Eindrücke zu sein. Auch die Hinweise unserer Interviewpartner auf ehemalige Standorte von Künstlern prägen das Bild, das der Film zeigt.

*Jones, P. & Wilks-Heeg, S.: Capitalising Culture: Liverpool 2008. In: Local Economy Vol. 19 (2004), S. 341–360.

Europäische Kulturhauptstädte: Wieviel Milch gibt die Kuh?
Screening Liverpool 08 – Capital of Culture

16. Mai 2012, 19-22 Uhr
Anschliessend Diskussion mit: Marta Gregorcic, Projektleiterin „Urban Furrows“ im Rahmen von Maribor 2012 und Monika Mokre, Politikwissenschaftlerin, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Moderation: Elke Rauth, dérive
Ragnarhof
Grundsteingasse 12/2
1160 Wien

Jürgen Cyranek betreibt gemeinsam mit Rebecca Cyranek und Claudia Christen den Blog CityPicture: http://www.citypicture.co.uk/