Ende Dezember 2012 hielt Tex Rubinowitz, Cartoonist und Autor, im (hochoffiziellen und unbedingt sehenswerten) Kuppelsaal der TU Wien einen Vortrag mit dem Titel  “Wien von hinten. Wo die Stadt endet oder beginnt – je nach Blickwinkel”.* Das war streckenweise komisch, irgendwie ungewöhnlich und hat dezent, aber nachhaltig Eindruck hinterlassen.

Rubinowitz verzichtete auf die Form des Vortrags, wie man sie im universitären Rahmen üblicherweise gewohnt ist, und plauderte ganz ohne mediale Unterstützung drauf los. Angefangen beim persönlichen Umfeld, in seiner Wohnung im Otto Wagner-Haus am Naschmarkt, wo ab und zu ein wenig Blattgold zum Fenster hineinsegelt. Das Gold löst sich von der historischen Fassade des Wagner-Hauses, die wiederum – obwohl der architektonische Stolz der Stadt Wien – von den in Bussen herangekarrten asiatischen Touristen keinerlei Beachtung erfährt. Diese werden nämlich unmittelbar vorm Wagner-Haus (und unter Rubinowitz` Fenster) ausgesetzt und direkt in das nächstgelegene asiatische Vertragsrestaurant geschleust – dabei müssten sie nur die Straßenseite wechseln, um ein weiteres Mal ihre digitalen Kameras mit historischen Häppchen der Sonderklasse zu füttern. “So kommt es also, dass in Asien niemand den Herrn Wagner kennt”, mutmaßt Rubinowitz. Das alles beobachtet er von seinem Fenster aus. Auch, dass “Menschen immer alles in Ecken werfen”. Dort wird nicht nur hingeworfen, sondern gern auch hingepisst oder hingespuckt, was sich an den weißen Flecken bemerkbar macht, die sich auf dem Asphalt rund um die meisten Ecken der Stadt sammeln. Aber Kaugummis finden sich nicht nur in Wiener Häuserecken, sondern seit dem Jahr 2010 auch an der Außenfassade im 91. Stockwerk (also einer Höhe von 367m über dem Erdboden) eines New Yorker Hochhauses. Denn wahnsinnige Leute aus Rubinowitz` Freundeskreis klebten dort als Beweis für ihre Performance einen Kaugummi hin. Sie, die Gelitin-Leute, die asiatischen Touristen und überhaupt wir alle hinterlassen Spuren im Raum.

Und dann (oder deswegen?) gibt es eben Neuerungsversuche, die diese Spuren beseitigen. Ganz im Sinne planerischer Maßnahmen, die sich an den Interessen von Investoren, Stadtmarketing und kaufkräftiger Klientel orientieren, wird erneuert, aufgewertet und vertrieben, was das Zeug hält. Dass diese Eingriffe in den städtischen Raum selten als Verschönerungsmaßnahmen zu werten sind (s. Entwurf “Karlsplatz Kulturpassage“) und mit jedem Eingriff gleichzeitig Mikrokosmen zerstört werden, wird in vielen Fällen auf ganz wundersame Weise ausgeblendet. (s. auch Karlsplatzpassage: Kleine Geschäftsleute gerettet)

Während Rubinowitz im prächtigsten Vortragssaal der TU Wien etwas verhalten seine Alltagswahrnehmungen von Stadt offenbarte und gelegentlich einen Schluck aus der Dose Ottakringer nahm, die vorne am Rednerpult platziert war, machte mich besonders seine Erzählung vom ägyptischen Zeitungshändler und dessen staubigem Tier neugierig. Beide müssen in wenigen Tagen - wie so einige andere Alteingesessene – im Zuge der Aufwertungsmaßnahmen der Karlsplatz Passage (unterirdische Passage an einem der wichtigsten Verkehrknotenpunkte Wiens) zur “Kulturpassage Karlsplatz” aus ihren Geschäftslokalen weichen.
“Meine Mutter war auch schon da”, empfiehlt Rubinowitz einen Besuch, “und hat gleich mit dem Ägypter geflirtet. Falls also Flirtbedarf besteht… .”
Flirtbedarf bestand meinerseits nicht**, dennoch suchte ich direkt nach Rubinowitz` Vortrag das Zeitungsgeschäft auf – und tatsächlich: Der Plüsch-Tausendfüßler hängt dort seit 1986 unter der Decke. Abgestaubt wurde er scheinbar nie (s. Photos) - auf dem Fell dieses entzückenden Gefährten (oder Gefährtin?)  befindet sich eine Staubschicht von etwa fünf Zentimetern. Fröhlich schaut der Tausendfüßler trotzdem drein, denn dort unten im “Mast-Darm Wiens” wirds scheinbar so schnell nicht langweilig. Doch das wird sich bald ändern.

*Der Vortrag fand im Rahmen des Kolloquium zur Stadtentwicklung - Zukunft Stadt, organisiert vom Fachbereich Örtliche Raumplanung der TU Wien, an der Technischen Universität Wien statt.
**Angeflirtet und zu einem Drink eingeladen wurde ich trotzdem und bedanke mich auf diesem Weg recht herzlich für die nette Unterhaltung.

Lesetipp:
Rubinowitz, Tex: Schwermut der Übermüdeten. Kommentar in: Der Standard/Album vom 3.September 2011.
Rubinowitz, Tex (2006): Das staubige Tier; Über Wien und unter Wien. Wien: Der Falter.

Mehr über Eingriffe und Maßnahmen im Bereich Karlsplatz gibt es hier zu lesen: Recht auf Raum