Wie Hugh Hefner mit dem Magazin Playboy nicht nur ein utopisches Lebenskonstrukt entwarf, sondern gleichzeitig auch die Staffage, die Räumlichkeiten und die Medien, die seinen Gegenentwurf zur bürgerlichen Nachkriegsexistenz einer prüden amerikanischen Gesellschaft stützten, das beschreibt die Philosophin und Queer-Theoretikerin Beatriz Preciado in ihrem neuesten Buch Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im >Playboy<

Wer nun eine reine Pornographiekritik erwartet, wird jedoch enttäuscht. Denn diese unmoralische Analyse des Magazins Playboy geht weit darüber hinaus und ist so unterhaltsam, wie es bei wissenschaftlicher Literatur eher selten der Fall ist. Preciado zeigt auf verblüffende und humorvolle Art und Weise, wie sich die Konstruktion des Geschlechts in der Produktion von virtuellem und realem Raum niederschlägt – ein echter Playboy fröhnt nicht nur dem Macho-Habitus, er wohnt und inszeniert sich auch dementsprechend.

Am Beispiel des Magazins und gespickt mit originellem Bildmaterial arbeitet Preciado die Mechanismen heraus, die zu einer Umdeutung der maskulinen Heterosexualität seit den 1950er Jahren geführt haben: Konzepte für Single-Apartements als Gegenentwurf zum suburbanen Eigenheim, Retortenvillen für Sex-Parties, das Rotating-Bed als Kommandozentrale des Playboys und die Damen für die Pornographie – et voilá, da ist er, der Playboy-Themenpark. In ihm waren sowohl die Mtarbeiter als auch die Bunnys immer gleichzeitig zu Hause und unterwegs im Auftrag der Pornotopie, Hefners ökonomischer Pornovision.

Das Hefnersche Playboy-Universum entsteht, etwa zeitgleich mit der Frauen- und Homosexuellenbewegung, im Jahr 1953: Die erste Ausgabe des Playboy erscheint und niemand hatte auch nur annähernd daran geglaubt, dass eine einzige weitere folgen würde. Das Gegenteil war der Fall: Hefner, der sich als Befreier des durch die Fesseln der Ehe gefangenen heterosexuellen Mannes verstand, hatte mit diesem Konzept den Nerv der prüden amerikanischen Seele  getroffen.

Im Laufe der sechziger Jahre setzte ein doppelter Prozess des Bauens und Medialisierens setzte ein: Die beispiellose Medien- und immobilienoperation der Playboy übersäte die städtischen Enklaven Amerikas und Europas mit Hotels und Nachtclubs. Was immer sich im Inneren dieser Orte abspielte, füllte anschließend die Seiten des Blattes mit Reportagen, die einen Blick in das Eigenleben dieser exklusiven und einzigartigen Räume gewährten.
Denn Hefner entwarf in Magazinbeiträgen nicht nur neue Rollenvorschläge für den Hetero-Mann, sondern auch Konzepte für einen entsprechenden Lifestyle und die Architektur: Ein echter Playboy wohnt im Playboy-Penthouse. Dort findet sich zumindest ein Rotating Bed und eine Kitchenless-Kitchen. Mittels der Darstellung der “küchenlosen Küche”, das bis dato in Nachkiegshaushalten von der Frau besetzte Zentrum der Wohnstätte, eignete sich der Playboy das traditionelle Reich der Frau an.
Abseits des konservativen Lebensmodells und einer Existenz in der heterosexuellen Ehe führt der Playboy-Mann ein glamouröses Junggesellendasein, für das Hefner in der zweiten Magazinausgabe auch gleich den passenden theoretischen Überbau liefert: Das “Manifest zur Befreiung des Mannes von der häuslichen Ideologie”.
Um jenseits der traditionellen amerikanischen Gesellschafstmuster nicht verweichlicht zu erscheinen oder gar der Homosexualität verdächtigt zu werden, etablierte das Magazin die von der weiblichen Sexualität nahezu entsexualisierten Bunnies. Sie stützten das Konstrukt des nunmehr befreiten und unabhängigen Mannes.

“Der Begriff Pornographie soll hier kein moralisches oder ästhetisches Urteil zum Ausdruck bringen, sondern nur neue, auf neuen Produktions- und Verbreitungstechniken beruhende Praktiken des Bildkonsums identifizieren”, heißt es in Pornotopia, denn diese stifteten bereits vor 60 Jahren neuartige Verbindungen zwischen Bild, Lust, Öffentlichkeit, Privatheit und Subjektivierung. Wie wegweisend Hefners Konzept war, stellte Preciado vor kurzem in einem Interview mit dem Spiegel fest: “[...] die hierin angelegten Ideen lassen sich in den aktuellen Leitbildern der Arbeitswelt wiederfinden: intim, medial vernetzt und mehrwertproduzierend sollen wir sein, allesamt horizontale Arbeiter, die nicht mehr wissen, ob sie gerade arbeiten oder nicht. Was ist real? Was ist fiktional? Arbeit hat heute die Tendenz, Sexualität, Ideen und Kommunikation miteinander zu verbinden. Die eigene Lust ist der Antrieb dieses grenzenlosen Arbeitens.[...]”

Die Forschungsreise auf den Spuren der Sinn- und Subjektivitätspositionen des Mannes im Playboy-Kosmos lohnt sich allemal – nicht nur um der geistreichen Erkundung der männlichen (Playboy-)Identität willen, sondern vor allem, um nach der Lektüre festzustellen, wie sehr sich doch die Rollenbilder der Playboywelt des Hugh Hefner auch in der heutigen Realität noch spiegeln. Unkraut vergeht eben nicht.

Beatriz Preciado ist Philosophin und wurde mit ihrer Publikation Testo Yonqui (2008, Junkie-Test/Text), für das sie ein Jahr lang Testosteron einnahm, zur Kultautorin der europäischen Transgenderbewegung. Die gebürtige Spanierin ist Philosophin und Queer-Theoretikerin, dissertierte in Princeton und lebt seit zehn Jahren in Paris, wo sie an der künstlerischen Fakultät in Vincennes-Saint-Denis lehrt. Ihre neueste Publikation Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im >Playboy< ist Anfang Februar 2012 auf dem deutschen Markt erschienen.

LESETIPP: Beatriz Preciado im Interview mit Kendra Eckhorst: Der Playboy funktioniert wie Disneyland. Erschienen auf Spiegel Online.

Beatriz Preciado
Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im Playboy

Wagenbach, 2012
ISBN 9783803151827