Die Ausstellung Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern im Wien Museum widmet sich der Besetzungsgeschichte und den Praktiken der Raumaneignung in Wien seit den 70ern. Eine Kritik.

“In den Ausstellungsräumlichkeiten darf fotografiert werden, in der Ausstellung Besetzt! jedoch nicht“, erklärt ein Angestellter an der Kasse des Wien Museums. Damit ist einem zeitgemäßen Kommunikationsverhalten im Sinne der Nutzung neuer Technologien gleich einmal eine Grenze gesetzt.
Der Weg in das erste Stockwerk des Wien Museums zur Ausstellung Besetzt! führt vorbei an der Schau Absolut Wien. Ankäufe und Schenkungen seit 2000 und erschließt sich nicht von selbst. Die Ausstellungsfläche muss - und das trotz der grellen Farbgestaltung – erst einmal gesucht werden. Endlich angekommen, drängt sich ob der dezentralen Lage der Ausstellungsfläche, der wenig raumgreifenden Ausstellungsarchitektur und der inhaltlichen Aufarbeitung der Kämpfe um Freiraum seit den 70ern der Gedanke an das längst überfällige Konzept des Container-Raums auf: Hier wird der (Ausstellungs)raum nicht als Element von Kommunikation und Handeln aufgefasst, sondern als Container,  aus dem Informationen abgerufen werden können. Das macht sich auch auf inhaltlicher Ebene bemerkbar: Die Vermittlung von Faktenwissen steht hier im Vordergrund, eine inhaltliche Vernetzung bleibt auf der Strecke.

Politik, und als Teil dessen auch der politische Anspruch auf Räume, ist jedoch Verhandlungsgegenstand verschiedenster Akteure und damit eine Frage der Interpretation. Schnell wird deutlich, dass ein Ausstellungskonzept, das sich mit der politischen Praxis des Verhandelns von Räumen auseinandersetzt, als isoliertes Archiv erscheint, wenn das Element der Poesie ignoriert wird, das jedem politischem Handeln innewohnt: “Eine frühe Auffassung diese fundamentalen Problems ist bereits seit Aristoteles bekannt: Geschichte erzähle demnach einfach nur das Geschehene, und erst die Poesie vermöge auch das Mögliche, Wahrscheinliche, oder gar Notwendige zu erzählen”, schreibt Tom Waibel in seiner Ausstellungskritik The Past Makes A Loveley Present in der Unique 05/12 und folgert: “Und genau in dieser Hinsicht mangelt es der Ausstellung im Wien Museum an Poesie.”

Auf der Strecke bleiben der Spirit, die Ideologien und damit auch die Eindrücke über die Motivationen und Emotionalitäten von Raumaneignungspraktiken. Der Begriff Besetzen wird nicht differenziert - Kämpfe um die Nutzung öffentlicher Räume in der Stadt werden mit Hausbesetzungen gleichgesetzt. Da verwundert es kaum, dass die einzige feministische Besetzung in Wien nicht erwähnt wird: Im Jahr 1998 wurde das ehemalige Pornokino Rondell besetzt – rund 2000 UnterstützerInnen forderten mit prominenter Unterstützung (u.a. Elfirede Jelinek, Josef Hader, Christine Nöstlinger, Robert Menasse und Elfriede Hammerl, Josef Hader, Dieter Schrage, etc.) “Frauen brauchen Raum” – denn auch in der Verteilung von Räumen manifestieren sich Geschlechterverhältnisse.

Lediglich die Filmbeiträge vermitteln die Stimmung und Aufregung verscheidenster Interessengruppen. So regt sich eine Frau in der ORF-Dokumentation Ohne Maulkorb während der Burggarten-Bewegung auf: “Ich bin 54 Jahre und habe 54 Jahre lang nicht auf einer Wiesn im Stadtpark gesessen!” Andere BürgerInnen schimpfen über den Hasch-Konsum, der mit einer Öffnung des Burggartens für die Allgemeinheit einherginge und loben die Funktion und Relevanz eines Repräsentationsgartens für die Stadt Wien.
Die Emotionalitäten, die das Begehren um das Recht auf die Nutzung einer Rasenfläche in einem öffentlichen Park auslöste, sind aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. Ist es doch inwzischen selbstverständlich (abgesehen von Privatisierungen des öffentlichen Raums, wo gegenläufige Entwicklungen zu beobachten sind), dass Parks dem Freizeitvergnügen der BürgerInnen dienen.
Leider werden diese Aspekte lediglich im ausgestellten Filmmaterial seh- und hörbar. Die Geschichte der Besetzungen wird chronologisch und oberflächlich abgehandelt – das zusammengetragene Dokumentationsmaterial, wie verschiedene Flugblätter, Fotomaterial oder Plakate, ist aber durchaus sehenswert und wird an Stellwänden präsentiert. Die sind zwar neonfarben, aber auch eine grelle und zeitgemäße Optik vermag die flachen Inhalte nicht anzureichern.
Anders dagegen der Katalog zur Ausstellung: Mit vertiefenden theoretischen Beiträgen und einer ansprechenden visuellen Gestaltung  schafft es das Medium Buch, den Kontext gleich auf meheren Ebenen herzustellen: Hier werden Querverbindungen hergestellt und die faktischen Inhalte mit wissenschaftlichen Texten von ExpertInnen und Interviews angereichert.


Photos: Katalog: Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern

Ein unfreiwilliges Highlight ist im ehemaligen Direktorenzimmer des Wien Museums zu finden: Als Nebenraum der Ausstellung  (und scheinbar ungeachtet der semantischen Bedeutung des Raums) wird dieser zum Ort der Verhandlung einer substantiellen Frage - hier ist ein Plakat mit dem Titel Häuser besetzen – darf man das? platziert.
Diese Situation wirkt in Anbetracht der Tatsache, dass Diskussionen über städtische Räume weniger in längst verlassenen Direktorenzimmern und auch nicht allein in separaten (Real)räumen, sondern vielmehr von verschiedensten Akteuren in realen und virtuellen Räumen geführt werden, überaus anachronistisch.
In der Ausstellung findet sich einen einzelner Platz am Computer mit Zugang zum Besetzungsarchiv.org, der Ausblicke aus dem analogen Archiv im Wien Museum gewährt, in dem eindimensional und trocken verhandelt wird, was aus Bedürfnissen heraus mit viel Energie, Abeit, Renitenz und persönlichem Engagement umgesetzt wurde. Offensichtlich gingen die Verhandlungen der Frage Häuser besetzen – darf man das? in der Direktion des Wien Museums nicht zu gunsten des spannenden Themas der Ausstellung aus.

Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern
bis 12. August 2012
Wien Museum
Karlsplatz 8
1040 Wien

Titelbild (von links nach rechts): 1. Rosa Lila Villa, 1983, Foto: Christian Schreibmüller / Sammlung Wien Museum 2. Vor der Räumung der besetzten Häuser Aegidigasse/Spalowskygasse, 1988, © Robert Newald Photographie, 3. Das besetzte Amerlinghaus am Spittelberg, 1975, Foto: Karl Heinz Koller / Sammlung Wien Museum; 4. “Arena besetzt”, 1976, Foto: Heinz Riedler / Sammlung Wien Museum