Frauen brauchen Raum lautete die Forderung von Künstlerinnen, Feministinnen und anderne engagierten Leuten, die sich in Wien im Jahr 1998 erfolgreich und mit viel Kreativität, Kampfgeist und Durchhaltevermögen für die Vision Frauenraum einsetzten. Mit dem Ergebnis, dass aus der Besetzung des ehemaligen Pornokinos Rondell, an einem anderen Ort das Kosmos Theater – Das Theater mit dem Gender hervorging.
Ein Gespräch mit Barbara Klein, Intendantin des Theaters und Co-Initiatorin der Besetzung, über ein bemerkenswertes Kapitel der österreichischen Frauen- und Kulturpolitik.

“[...] Es sieht ganz so aus, als könnte und wollte dieser Raum des ehemaligen Pornokinos, der ja lange von der Präsentation von Frauenfleisch gelebt hat, auch im Nachhinein, da Frauenfleisch gemütlich zu Hause aus dem Videorekorder kommt, Frauen in bekleidetem oder gar denkendem Zustand nicht ertragen können. Aber der Raum selbst ist unschuldig. Seine Besitzer und Verwalter aber sind es nicht. [...]
- Elfriede Jelinek, in: Dohnal, Johanna (Hg.in); Riegler, Susanne; 2010: Das Theater mit dem Gender – 10 Jahre Kosmos Theater. Wien: Löcker Verlag, S. 22.

 

Sie waren maßgeblich an der einzigen feministischen Besetzung in Wien beteiligt. Nun zeigt das Wien Museum mit der Ausstellung Besetzt! einen Überblick über den Kampf um Freiräume in Wien. Doch die Besetzung des ehemaligen Pornokinos Rondell wird nicht erwähnt..

Weder in der Ausstellung noch im Katalog zur Ausstellung, der in die Natbibliothek geht und als Dokument die Geschichte an die Nachwelt weitergegeben wird, findet die Rondell Besetzung statt. Dabei mangelt es nicht an Dokumentationsmaterial: Es gibt die Publikation von Johanna Dohnal, meine Diplomarbeit und Medienberichte in unserem Theaterarchiv.
Ich habe einen offenen Brief verfasst, der als OTS (Anm. d. Red.: Presseaussendung im Originalwortlaut unter inhaltlicher Verantwortung des Aussenders) an die APA (Anm. d. Red.: Austria Presse Agentur) ging, natürlich an Herrn Kos (Direktor des Wien Museums), an Herrn Mailath-Pokorny, Stadtrat für Kultur und Wissenschaft in Wien, an Claudia Schmied, Bundesministerin, an Gabriele Heinisch-Hosek, Frauenministerin, und andere – und es gab von niemandem eine Reaktion. Von Niemandem.

Das dürfte ihnen ja bekannt vorkommen – war das nicht damals beim Kampf um den Raum für Frauen auch so?

Genauso war es. Es gibt eine unglaubliche Ignoranz gegenüber dem Buhwort Feminismius. Damals haben es mir die Beamten der Kunstsektion (heute: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kunst) noch entgegengebrüllt. Aber nach wie vor hat der Feminismus in der Kunst scheinbar überhaupt nichts verloren. Heute verhält man sich ähnlich, die einzige Waffe ist und bleibt Ignoranz.

Sexorgie im Rondell, PHoto: Kosmos Archiv / Aloise Roth

 

Die BesetzerInnen waren ja sehr erfindungsreich, wenn es darum ging, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen: Am letzten Abend der feministischen Besetzung des Pornokinos Rondell luden sie zu einer Sexorgie im Pornokino…

Oben in der Riemergasse warteten die grünen Minnas und die Bullen bereit zum Einsatz. Und im Haus haben wir eine wunderschönes Bild inszeniert: In diesem Schutt haben wir Bänke wie in einer Kirche aufgstellt. Und vorne, wie auf einem Altar in einer Kirche, ein riesiges Transparent aufgehängt. Darauf ist gestanden Die nackte Wahrheit: Frauen brauchen Raum.
Die Frauen sind verschleiert gesessen – nicht muslimisch – und haben geschwiegen. 50 Frauen waren es ungefähr. Es gab einen Wassertropfen, denn das Dach war leck bis in den Keller. Den Tropfen haben wir auf einen Blechteller fallen lassen, davor haben ein Mikro gelegt – es war nur dieser Tropfenzu hören. Die totale Stille. Ab und zu ein Knirschen, wenn JournalistInnen hinein- oder hinausgingen. Es hat etwas Magisches gehabt und es war eine unglaubliche Energie in diesem Raum.

Hat die Einladung den gewünschten Effekt gebracht? Kamen die JournalistInnen?

Eben nicht, weil sich natürlich auch die JournalistInnen gedacht haben, dass es eine Falle ist – FeministInnen und Sexorgie?! Es kamen vielleicht zwei, drei. In dieser Nacht ist es aber eskaliert. Wir hatten zwei wundervolle Juristinnen, Brigitte Hornyik und Anna Sporrer, die mit mir gemeinsam verhandelt haben. Wir haben gesagt: Der Klima (Anm. d. Red.: Viktor Klima, österreichischer Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender von 1997 bis 2000) muss her, aber er ist nie gekommen, sondern hat Unterhändler geschickt.

Warum wurde letztendlich das Feld geräumt?

Ich habe mich verantwortlich gefühlt und war dagegen, dass wir bleiben. Ich wusste, dass die Frauen geladen sind. Es gab eine irrsinnige Spannung. Meine Idee war, dass wir uns nackt ausziehen und auf den Boden legen. Dann sehen wir, ob uns die Bullen angreifen. Letztendlich haben wir dann aber zum Abzug aufgerufen und beschlossen, dass wir sofort wiederkommen, um vor dem geschlossenen Rondell weiter zu demonstrieren.


Barbara Klein in Verhandlung mit Behörden, Foto: KosmosArchiv / Heidi Heide

Nachdem die Besetzung im Rondell beendet war, gab es keinen fixen Ort mehr..Es ging aber tatsächlich ohne Lokalität weiter?

In der Straße gegenüber vom Rondell gab es ein Lokal, das uns unterstützt hat. Dort sind wir immer hin und haben performt, auf der Straße. Nachdem es Anrainerproteste gegeben hatte, sind wir auf den Ballhausplatz ausgewichen und haben täglich eine Demo angemeldet.
Dann sind wir aufgetaucht, wenn die Frau Klima beim Frauenlauf mitgelaufen ist. Einige von uns waren Marathonläuferinnen, wir haben T-Shirts gedruckt mit der Aufschrift Frauen brauchen Raum und unsere Läuferinnen waren immer um Frau Klima herum. Auch die Kameras kamen nicht um sie und uns herum: Wir waren in jedem Bericht, auf jedem Bild. Der Klima selbst war im Zielraum und da haben wir ihn pausenlos angequatscht.

Und wie hat Viktor Klima auf das Engagement reagiert?

Wir hatten das Gefühl, dass er beeindruckt war. Unser Konzept hat Hand und Fuß gehabt, es war über eineinhalb Jahre gewachsen. Wenn uns Knüppel in den Weg gelegt wurden und wir gefragt wurden, wer das Projekt finanzieren soll, haben wir einen blitzartig ein Subskriptionsmodell erfunden. Wir haben an einen riesen Kreis einen fertigen Spielplan ausgeschickt. Im Vorhinein konnten die BesucherInnen die Karten kaufen, um sie im Nachinein einzulösen. Und dann hatten wir das Geld. Aber das Kino haben schließlich die Jungs von Porgy & Bess gekriegt.


Kurto Wendt, Photo: Kosmos Archiv

 

Waren denn an der Besetzung des Rondells nur Frauen beteiligt?

Nein, es gab viel Unterstützung von Männern, auch von vielen prominenten Männern – wohlwissend, dass sie niemals in diesem Haus auftreten würden, wenn die Besetzung erfolgreich sein sollte. Sie haben sich mit null Eigennutz eingesetzt.
Von Beginn an waren die ersten aktivistischen Männer von der KP (Anm. d. Red.: Kommunistische Partei) dabei, die einfach ein paar ganz tolle Köpfe hat. Die Männer haben sofort gewusst: Wir brauchen ein Beisl! Es muss etwas zu trinken geben, sonst wird das nie was. Es kann kalt sein, es kann schmutzig sein, aber es braucht eine kommunikative Atmosphäre.

oben: Besetzung Rondell, außen, Photo: Kosmos Archiv, unten: Robert Menasse und Elfriede Hammerl vor dem Rondell, Photo: Kosmos Archiv / Heide Heide

 

Und innerhalb kürzester Zeit hat sich dann ein vielfältiges Programm mit künstlerischen Aktivitäten entwickelt – wie war das möglich?

Die richtigen KommunikatorInnen sind zusammengekommen. Ich war eine der Initiatorinnen und in meiner Wohnung waren die ersten drei vernetzten Computer. So konnten wir Arbeitsgruppen bilden. Damals war ja alles noch neu – Computer gab es noch nicht allzu lange, Handys waren noch keine Selbstverständlichkeit.
Bei der Rondellbesetzung waren auch Aktivistinnen vom Frauenvolksbegehren dabei. Wir hatten sehr gute Vernetzungen geschaffen, u.a. mit der Gewerkschaft, auch grüne und rote PolitikerInnen. Dadurch, dass ich aus der Kunst komme – ich war am Reinhardt Seminar und habe eine rein künstlerische Ausbildung – hatte ich natürlich hervorragende Kontakte.

Wie kann man sich die Situation im ehemaligen Pornokino vorstellen?

Es war eine Schutthalde und wir hatten eine improvisierte Bühne. Wir haben zehn Tage und zehn Nächte bei Minusgraden und in absolutem Dreck besetzt – und nicht nur besetzt. Es gab rund um die Uhr Kunst: Die ganz tollen Frauen wie Elfriede Jelinek, Christine Nöstlinger, Elfriede Hammerl, Sylvia Bra, Miki Malör und andere sind aufgetreten, aber auch Männer wie Josef Harder. Viele Parteien, die ein solches Projekt fördern wollten, natürlich die Frauen dieser Parteien, und die Frauenpolitikerinnen waren vor Ort. Das Programm lief rund um die Uhr. Es war eine Stimmung, es war unglaublich. Freddy Dorfer hat sich hingestellt und gesagt: “Es ist klar, dass die Frauen jetzt einen Raum brauchen, denn die Männer haben die Stadien.” Solche Sager sind unvergesslich.

Dann stellte sich die Frage: Linken die uns, oder nicht? Sie haben gesagt, das Rondell wirds nicht. Die Porgy & Bess-Jungs haben den Randa (Anm. d. Red.:langjähriger Chef der Bank Austria) von der Bank Austria im Rücken gehabt. Es war klar, dass sie das Haus kriegen.
Nur die Frage war, was versprechen sie uns und was kann tatsächlich realisiert werden?
Denn so viele Räume, die geeignet sind und in Frage kommen, gibt es in Wien auch nicht. Einerseits wussten sie, sie müssen uns etwas geben, andererseits wollten sie es auf die lange Bank schieben, denn sie wussten, wenn wir mal weg sind, dann wirds nix mehr. Und dann haben sie uns drei Projekte angeboten, die viel teurer waren. Aber unter der Bedingung, dass unser Projekt nur die Hälfte von Porgy & Bess kosten durfte!

 

Frauen brauchen Raum, Parlament Wien, Photo: Kosmos Archiv

 

Was hat denn letztlich das Ruder umgerissen? Warum hat Viktor Klima doch noch zugestimmt?

Es gab keine Gegenstimmen. Die Politikerinnen haben ihn bearbeitet und wir waren ständig in der Stadt präsent.
Und auf einmal hat meine Partnerin Krista Schweiggl in der Siebensterngasse 42 einen Zettel an der Tür gesehen: Zu vermieten! Ein altes Kino, genau wie das Rondell, umbaufähig, fast besser als das Rondell – denn im Porgy & Bess musste ein Raum-in-Raum-System geschaffen werden, weil die Schwingungen durchs ganze Haus gingen. Das war irrsinnig teuer. Eine Kreditzusage hatte ich bei der Ersten Bank erhalten.
Also haben wir tasächlich ums halbe Geld ein passendes Lokal gefunden! Und konnten dem Bund sagen: Jetzt könnt Ihr nicht zurück. Und dann mussten sie.
Es war ganz knapp vor Schwarz-Blau und wir hatten Glück, dass wir die Zusage noch bekommen haben, weil das Projekt sonst gestorben gewesen wäre. Schwarz-Blau hätte es sofort vernichtet.

Wie hat sich das Projekt entwickelt?

Wir sind ein relativ autonomes Haus und werden von Stadt und Bund gefördert, schlecht im Vergleich zu anderen Häusern dieser Größenordnung. Wir sind eben sparsam, bieten aber ein tolles Programm und haben eine Auslastung von über 70 Prozent. Auch Ausstellungen können wir machen. Das Haus hat großartige Räumlichkeiten zur Kommunikation.

Das Theater ist mit dem Namen kosmos.frauenraum gestartet. Dann wurde der Name zu KosmosTheater geändert. Wieso sind die Frauen aus dem Titel verschwunden?

Ich war geneigt, den Titel abzuschaffen, weil zuviele Männer, aber auch Frauen dachten, dass Männer keinen Zutritt haben. Es war ein guter Name, um den Frauen zu signalisieren Das ist was für Euch, aber es war ein schlechter Begriff, um zu kommunizieren Dass ist NICHT NUR für Euch.
Das war auch nie meine Idee. Männer sollen sehr wohl hereinkommen und sich die Kunst von Frauen anschauen.
Außerdem mussten wir mit einem sehr geringen Werbebudget auskommen. Alles, was sich nicht von selbst vermittelt hat, war ein Problem für uns. Wenn wir ganzseitige Anzeigen hätten schalten können, hätte es funktioniert. Wir waren einfach auf die Selbstverständlichkeit der Publizität angewiesen.

Und dann gab es die vergünstigten Eintrittskarten für Frauen…

Das war ein Punkt, von dem ich mich mit großer Trauer getrennt habe. Wir haben die Eintrittskarten für Frauen fast zwei Jahre lang um ein Drittel günstiger angeboten. Das hatte einen unglaublichen Effekt und auch einen Intelligenz, man musste es nicht erklären.
Die Reaktionen an der Kasse waren toll, wir hatten erweiternde und lustige Diskussionen. Bis zu dem Zeitpunkt, als Falter und Augustin gleichzeitig geschlagzeilt haben Männer zahlen mehr!
Auf einmal war der Witz raus. Männer haben sich beschwert und Frauen haben angerufen und gefragt, wie das mit ihrem Mann ist. Plötzlich hatten wir ellenlange Diskussionen an der Kasse.
Dabei hatten wir haben uns so zu Gute gehalten, dass wir die Idee budgetär geschafft haben – und dann das.

 

Wird die Institution KosmosTheater immer noch diskriminiert?

Ich werde zu keiner Nestroy-Preisverleihung eingeladen, ich bekomme nie eine Ehrung, ich werde nicht zur Weihnachtsfeier ins Kulturamt der Stadt Wien eingeladen, dort werden alle Kulturschaffenden eingeladen. Bei der Claudia Schmied ist es besser, da werde ich eingeladen.
Im Vergleich verdienen wir gut, aber wir bekommen um ca. ein Drittel weniger Subvention als andere. Die Jungs vom brut werden beispielsweise von der Stadt Wien mit einer Fördersumme von 1,5 Millionen Euro im Jahr bedacht. Wir erhalten noch nicht mal 500.000. In den Enstcheidungspositionen beim brut sitzen natürlich zwei Jungs. Man muss ihnen aber anrechnen, dass sie ein gutes Programm und auch feministische Projekte zeigen.

Ist der Kampf um Raum für Frauen weiterhin aktuell?

Auf jeden Fall. Und zwar in jeder Großstadt! Alle, die mehr von der Wiener Szene sehen, bemerken, dass hier Produktionen stattfinden, die es sonst nirgendwo gibt. Dass macht deutlich, wie Künstlerinnen, vor allem in den leitenden Positionen, immer noch diskriminiert werden.
Es ist so normal geworden, immer seltener reden wir darüber. Die Frauen haben so eine Angst sich über die Diskriminierung mit diesen Totschlagargumenten zu äußern – wie Wenn sie auf das Argument Frau besteht, dann hat sie womöglich keine Qualität. Der Politik und der Männermafia ist es gelungen, mangelnde Qualität und Frausein gleichzuschalten.

KosmosTheater
Siebensterngasse 42
1070 Wien

DOKUMENTATION: ZUR BILDERGALLERIE
TEIL I:
Urbane Revolten (I): Besetzt! Oder: Darf man das überhaupt? Eine Ausstellungskritik der Schau Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern
BUCHTIPP
: Dohnal, Johanna (Hg.in); Riegler, Susanne; 2010: Das Theater mit dem Gender – 10 Jahre Kosmos Theater. Wien: Löcker Verlag.

Photo/ Titel: Sexorgie im Rondell, KosmosArchiv