Die Wechselwirkungen zwischen Bewegung und Kleidung zeichnen die Performance Sensation der deutschen Choreographin Lucia Glass aus. Gemeinsam mit professionellen Laufstegmodels untersucht sie die Mode junger Avantgarde-Designer und lotet dabei ganz spielerisch die Grenzen der Bewegungsfreiheit aus. Soeben hat Lucia Glass die getanzte Modenschau im Rahmen des SOF/ Summer of Fashion im Museumsquartier in Wien präsentiert. Im Interview spricht sie darüber, wie sie sich für diese Choreographie der Welt der Mode genähert hat.

 

Warum ist Performance das neue Schwarz?

In vielen Bereichen geht es heute vornehmlich um die Performance: Es ist beispielsweise weniger wichtig, welche Kleidung oder welche Farbe ich trage, als vielmehr die Art und Weise, wie ich die Kleidung und mich selbst präsentiere. Es wird immer mehr Wert auf den Auftritt gelegt und wie man anderen Menschen gegenübertritt. Für mich ist das alles Performance. Spannend finde ich auch, wie sich der Begriff Performance mittlerweie in anderen Bereichen wiederfindet. Wenn ich im Internet Performance eingebe, stoße ich auch auf die Performance von Maschinen oder Motoren.

Film, Fotografie oder bildende Kunst – Sie arbeiten mit Vorliebe an der Schnittstelle zu anderen Disziplinen. Ihre Show Sensation widmet sich nun der Beziehung von Bewegung und Mode…

Mode reizt mich ästhetisch. Es ist das erste Mal, dass ich so intensiv mit Mode gearbeitet habe. Und es ist mir auch wichtig, zwischen Mode und Kostüm zu unterscheiden. Das Kostüm besitzt eine theatrale Funktion, es soll in etwas verwandeln, den Findungsprozess in die Rolle unterstützen. Es trägt zum Konstrukt der Rolle bei. Das macht die Mode natürlich auch auf eine gewisse Art und Weise, aber sie versetzt dich nicht in eine Bühnen-Rolle. Das ist der Unterschied.

Welche Rolle spielt denn die Kleidung in Ihrem Verständnis von Performance und wie äußert sich das in Sensation?

Bei Kleidern ist es erstmal der Moment. Ein Kleid fällt spannend – du guckst es an und bist gleichzeitig involviert, obwohl du nicht die Trägerin bist. Es geht einerseits darum, was das Kleid mit dem/der TrägerIn macht, aber auch umgekehrt: Wie verändere ich selbst das Kleid?


Photo: Maxe Probst


Sie haben für die Show Arbeiten von fünf verschiedenen Designern ausgewählt. Nach welchen Kriterien ist die Auswahl erfolgt?

Mich fasziniert, was Designer mit Kleidung machen, inwieweit sie weggehen von dem, was tragbar ist. Interessant finde ich Mode an dem Punkt, wo sie einen künstlerischen Ansatz hat. Wobei wir im Stück auch durchaus tragbare Kleidung haben. Anfangs dachte ich, ich würde viel mehr mit Kleidung arbeiten, die an sich schon performativ ist, in dem sie sich, wie beispielsweise bei Chalayan, entfaltet oder Geräusche macht. Aber das hätte zu sehr abgelenkt. Denn bereits durch die Bewegung des/der Trägerin entsteht schon ein bestimmter Faltenwurf.
Auch das Material spielte eine Rolle und die Frage, was das Material kann. Was macht es mit mir? Wir haben Neopren, zum Beispiel von Maha Shakar, aber auch natürliche Stoffe wie Seide, oder Leinen. Einen weiteren Schwerpunkt habe ich auf die Art der Verarbeitung gelegt: Vladimir Karaleev lässt zum Beispiel die Nähte offen und arbeitet direkt an der Büste, um die Form zu finden. Wir zeigen außerdem Kleidungsstücke, die allein aufgrund ihres Schnittes die Trägerin in eine bestimmte Haltung drängen.

Beeinflusst der temporäre Charakter der Mode diese Performance?

Die Mode ist kurzlebig – interessant wäre es jetzt, neue Mode für die Performance auszuprobieren. Ich kann mir vorstellen, in einem Modus zu bleiben, in dem man auch schnell auf die Mode reagiert und schaut, was die Designer gerade im Moment denken und entwerfen.

Für die Performance Sensation haben Sie erstmals nicht mit Tänzern, sondern mit Models gearbeitet. Welche Herausforderungen für die Produktion bringt das mit sich?

Mein Interesse war es, nicht mit Tänzern zu arbeiten, die auch Models sein könnten, sondern mit Models zu arbeiten, die das Vorführen von Mode zu ihrem Beruf gemacht haben; die Profis sind, in dem, was sie tun. Natürlich sind Models in ihren Bewegungen nicht so virtuos und auch nicht ausgebildet, wie es TänzerInnen sind. Aber sie haben eine andere Präsenz – da kommt es mehr auf den Blick an, auf die Haltung, anders als beim Tanz. Models und TänzerInnen bewegen sich in anderen Gefilden. Und natürlich habe ich mit einem Model, das an jedem Tag zwei Jobs oder mehr macht, viel weniger Zeit für Proben, als mt TänzerInnen.


Photo: Maxe Probst

Welche Qualifikationen spielten beim Casting der Models eine Rolle?

Beim Casting kommen sie rein und man sieht sofort, ob sie laufen können, also einen Catwalk machen können, oder nicht. Manche sehen vielleicht toll auf den Fotos aus, aber können nicht laufen…

Und die Bereitschaft zur exaltierten Bewegung und Improvisation?

Ich habe keine Choreographien gelehrt, von denen ich dachte, dass sie zu einem Kleidungsstück passen, sondern ich hab mit dem Model und dem Kleid gearbeitet. Im Vordergrund stand, was dem Model, das die Kleidung professionell präsentiert, dazu einfällt. Jedes Model besitzt eine eigene Körpersprache. Manche lassen sich sehr darauf ein und haben von sich aus ein großes Bedürfnis nach Bewegung, andere weniger.

Selbst im zeitgenössischen Tanz zu Hause, haben Sie für international renommierte Chroeographen gearbeitet. Was zeichnet für Sie eine gute Performance aus?

Ich darf dazu keine Fragen mehr haben und muss sagen können Ja, das stimmt für mich auch. Egal, welches Genre es ist, ob Kabarett, zeitgenössischer Tanz oder Kunst, die mich ja auch in eine Performance verwickelt.
Ich möchte eine Performance auf emotionaler oder intellektueller Ebene verstehen, oder möglichst auf mehreren Levels gleichzeitig. Für mein Verständnis muss es einen Sinn machen. Davon kann man nochmal abstrahieren, ob man ein Stück mag, oder nicht. Das ist in dem Moment nicht so relevant. Es kann auch eine gute Performance sein, wenn ich eine Show eigentlich gar nicht mag, sie aber gut gemacht ist.

SENSATION from Maxe Probst on Vimeo.

Lucia Glass

TIPP: Lucia Glass: The Sound Of It, 12. & 13.07.2012 in der Lokremise, St. Gallen und im September beim Festival Resonanzen in Leipzig. Es geht um Klang im Raum, und darum, wie Klang sich im Raum bewegt und wie wir Geräusche lokalisieren. Die Zuschauer sitzen in einem dunklen Raum und hören über Kopfhörer nur Körper und Gegenstände, die sich bewegen – sie sehen aber nichts. Es gibt auch zwei Performer im Raum, aber die sieht man kaum. Die Tonspur nehmen wir immer neu auf in dem Bühnenraum, in dem wir auch spielen. – Lucia Glass.

Webseite: www.luciaglass.com