Ein Exkurs in das Genre der Landart und ein Blick auf die Arbeiten einer ihrer bekanntesten Vertreterinnen: die amerikanische Künstlerin Nancy Holt.

Man stelle sich vor: vier begehbare Betonröhren inmitten der Great Basin Wüste in Utah – begehbar, wohlbemerkt. Die amerikanische Künstlerin Nancy Holt steckte hinter dieser Installation, den Sun Tunnels (1973 und 1976), die neue Wege aufzeigen sollten, um die Wahrnehmung der BeobachterInnen in der Landschaft zu aktivieren. “Ich wollte den unendlichen Raum der Wüste auf menschliche Dimensionen zurückführen. [...]

[...] Das Panorama der Landschaft ist zu überwältigend, um es ohne visuelle Bezugspunkte begreifen zu können. Durch die Tunnel werden Teile der Landschaft gerahmt und fokussiert. Die Tunnels ‘erweitern’ den Betrachter visuell, lassen ihn zum Teil der Landschaft werden und öffnen den wahrgenommenen Raum. Wenn der Betrachter allerdings im Inneren der Tunnel steht, schließt – kreist – die Arbeit ihn ein, und die Landschaft wird durch die Löcher und Tunnelenden gerahmt”, schrieb Holt über die Tunnels. ¹)

Holts Arbeiten konzentrieren sich immer wieder  auf die Aspekte Gedächtnis, Wahrnehmung, Zeit und Raum und nutzen dabei die natürliche Umgebung als Medium und Subjekt. Dabei hat sie verschiedene Installationen großen Maßstabs im urbanen Raum umgesetzt, u.a. den Dark Star Park (1979) in Arlington County, Virginia. Zugleich Park und begehbare Installation, untersucht die Arbeit das Konzept Zeit und unsere Beziehung zum Universum.
Diese Transformation eines Freiraums, die im Rahmen eines Stadterneuerungsprojektes stattfand, zeigt ebenso, welche Rolle die Interaktion zwischen Ort und Mensch in Holts Arbeit spielt: Meist begehbar, involvieren ihre Werke die BesucherInnen. So führen sie zu Perspektivwechsel und einer Auseinandersetzung mit dem Raum.

Holt arbeitete für dieses Projekt in einem interdiszipliären Team mit Architekten und Ingenieuren und zwar außerhalb der gewöhnlichen Situation in Künstlerateliers und Gallerien: “I was the landscape designer as well as the sculptor, so the whole park became a work of art. And I was on the committee to approve the architectural design of the building adjacent to the park. I don’t think either of these situations ever happened before for an artist, so that was unusual, and it broke new ground for public art.” ²)
Die Fotografie spielte dabei für sie eine zentrale Rolle, war sie doch nicht nur Ausgangspunkt Holts künstlerischer Aktivitäten, sondern auch Mittel zur Auseinandersetzung mit den Orten des Geschehens, half sich der Situation zu nähern und schließlich die Arbeiten zu dokumentieren.


Photo: Nancy Holt, Dark Star Park. Foto: http://www.flickr.com/photos/arlingtonva/4131435370

Nancy Holt gilt eine der wichtigsten Vertreterinnen der Land-Art-Bewegung, die sich als radikal-anti-kommerzielle Kunst in den späten 1960er Jahren im Kontext der zeitbasierten und dematerialisierten Kunstrichtungen wie Prozesskunst und Konzeptkunst entwickelte.
Abseits der New Yorker Gallerien und Studios wollten die KünstlerInnen, darunter beispielsweise auch Dennis Oppenheim, Stanley Brouwn und Holts Ehemann Robert Smithon, nicht etwa ein weiteres Konsumgut schaffen, denn sie reagierten auf den immer mehr in den Vordergrund tretenden Materialismus  der modernen Kunst. Ortsspezifisch und die Wandlungsprozesse in der Freilandshaft thematisierend, umfasste die Land Art sowohl kleinteilige Konzepte und Maßstäbe als auch ganze Landstriche: Menschenleere Wüsten, denaturalisierte Nonsites aber auch urbane Gebiete wurden hier zum Handlungsraum. Und die Arbeiten mit oftmals temporärem Charakter festzuhalten, wurden sie mittels Fotografie, Zeichnung, topografischen Karten, Skulptur, Audio, Video und Film dokumentiert.
Wer sich nun ein Bild machen möchte von Holts Arbeiten, der kann dies beim Besuch ihrer ersten Soloshow in Großbritannien in der Gallerie Haunch of Venison in London tun.

¹) Nancy Holt: Sun Tunnels, 1973-76, Great Basin Desert, Utah
²) Saad-Cook, Janet, Charles Ross, Nancy Holt, James Turrell. “Touching the Sky: Artworks Using Natural Phenomena, Earth, Sky and Connections to Astronomy” Leonardo 21, no. 2 (1988): 123.

Nancy Holt
08/06 – 25/08/2012
Haunch of Venison
Haunch of Venison Yard / New Bond Street

103 New Bond Street
London W1S 1ST
United Kingdom

Titelbild: Photo: Nancy Holt, Sun Tunnels, VG Bild-Kunst, Bonn 2011