Miranda July ist US-amerikanische Künstlerin, Regisseurin, Drehbuchschreiberin, Schauspielerin, Schriftstellerin und Musikerin – kurz ein Allroundtalent. Im März 2012 ist ihr neuestes Buch Es findet dich auf dem deutschen Markt erschienen. Das Ergebnis zeigt, wie produktiv Ablenkungsmanöver sein können und eignet sich bestens als kurzweilige stadtanthroposophische Studie über Los Angeles.

Wieder mal beim Endlossurfen im Netz ertappt? Obwohl dringend andere Aufgaben zu erledigen wären? Aber stattdessen lässt sich ein schier unerschöpflicher Erfindungsreichtum in Sachen Übersprungshandlungen diagnostizieren. Im schlimmsten Fall folgt dann ein völliger Informationsüberdruss, der wiederum mit weiteren Ablenkungsmanövern ausgebügelt wird. So, oder zumindest so ähnlich, ging es wohl Miranda July während der Arbeit an ihren zweiten Drehbuch zum Film “The Future”.

Unter dem Druck der scheinbar unüberwindbaren Last, nun den Endspurt auf der Zielgeraden hinlegen zu müssen und die letzten Seiten ihres Skripts zu schreiben, begab sie sich lieber in ganz andere Welten. Diese erschlossen sich ihr immer dienstags, denn da kommt in L.A. das PennySaver Blättchen aus dem Druck. Gespickt ist der PennySaver hauptsächlich mit Anzeigen von Privatpersonen. Aufgesetzt wie einzelne kurze Zeitungsartikel, lesen die sich wie folgt:

“In L.A. verkauft jemand eine Jacke. Die Jacke ist aus Leder. Außerdem groß und schwarz. Der Anbieter schätzt ihren Wert auf zehn Dollar. Der Anbieter ist aber nicht allzu sicher, was den Preis betrifft, denn er wäre auch bereit, andere, niedrigere Preise in Betracht zu ziehen.”

Wild entschlossen, sich weiterhin ablenken zu lassen, trifft July zehn Inserenten, die via Kleinanzeige so dies und jenes – siebenundsechzigteilige Malsets oder etwa Ochsenfrosch-Kaulquappen für 2,50$ pro Stück – verkaufen wollen. Die Gespräche zeichnete sie auf, die visuellen Eindrücke hielt die Fotografin Brigitte Sire fest. Und das Ergebnis ist ganz wunderbar.
Denn hier geht es endlich mal um Menschen, die vordergründig durchschnittlich erscheinen, aber alles andere als austauschbar sind. Mit nahezu entwaffnender und naiver Offenheit befragt July die VerkäuferInnen mit ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen nach ihrem Leben, ihren Wünschen und Hoffnungen. Die individuellen Geschichten und persönlichen Umgebungen der Befragten stehen exemplarisch dafür, dass es weder die erlesene Mixtur aus Vintage- und Designermöbeln, oder etwa die letzte Avantgardeklamotte, noch der Job als DesignerIn oder Art DirektorIn ist, die einen Menschen einzigartig machen.

Das ist durchaus konträr zu dem Eindruck, der sich unweigerlich aufdrängt, wenn man sich als Folge eines Ablenkungsmanövers mal wieder auf den hippsten Blogs- und Webseiten wiederfindet, wie etwa der Berliner Seite Freunde von Freunden.
Hier wird der Leserschaft suggeriert, die restliche Welt bestünde aus enorm gut gekleideten jungen Leuten, alle irgendwie kreativ, gutaussehend und auch das persönliche Domizil kommt dementsprechend schick daher. Inmitten einer Mixtur aus Designprodukten thront dann der kreative Mensch auf einem Eames Chair und dabei lässt er sich auch noch ablichten. Ein bisschen erzählt er auch von seinen Inspirationsquellen, den Reisen rund um den Globus – dort gabelt er, selbstredend, einen Teil seiner Wohnaccessoires auf – und seinem Job. Ein Traum für jedes Creative City Branding, wenn sich das kreative Image einer Stadt bereits qua Netz um den Globus verbreitet.

Die prekären Existenzbedingungen der kreativen Klasse werden selbstverständlich nicht thematisiert und kommen dem Betrachter beim Anblick des präsentierten Luxus-Equipments auch erst gar nicht in den Sinn. Formate wie dieses betonen die visuelle Oberfläche der Creative Industries  – das mag zwar schön fürs Auge und gut fürs Image der Stadt sein, ist aber auf Dauer etwas flach. Seitdem das Format Freunde von Freunden auch aus anderen Städten berichtet, liest es sich wie einen Beleg für die Assimilation von Style auf internationaler Ebene. Hipster bedienen nicht nur kleidungstechnisch ähnliche Codes, sie wohnen auch so. Und natürlich kommen sie auch nur mit ihresgleichen in Kontakt.

Existieren denn in unseren Städten nur mehr Kreative? Wohl kaum.
“Es erschien mir plötzlich sonnenklar, dass die ganze Welt, und besonders Los Angeles, darauf angelegt war, mich vor genau diesen Leuten, mit denen ich mich nun traf, abzuschirmen”, bemerkt July nach einer Begegnung. “Es gab kein Gesetz dagegen, ihre Bekanntschaft zu machen, aber es passierte einfach nicht. L.A. ist keine Stadt für Fußgänger und hat kein nennenswertes U-Bahn-System – sofern sich jemand nicht in meiner Wohnung oder meinem Auto aufhält, werden wir uns also nie an ein und demselben Ort befinden, nicht einmal für einen Augenblick”, beschreibt sie die Tatsache, dass man in L.A. nicht aus seinem eigenen Dunstkreis herauskommt.

Wie der Rest der Menschheit so lebt – und vor allem, dass er EXISTIERT, zeigt Es findet dich, die neueste Publikation von Tausendsassarin Miranda Juli. Nett und unaufgeregt hat sie aus einem Ablenkungsmanöver mal eben eine Publikation gezaubert, mit der unsere Aufmerksamkeit über zehn Begegnungen hinweg auf das Leben gelenkt wird, das eben nicht ungesehen und ohne Korrektur den Werbespot für die nächste Bausparkassenwerbung liefert. July, die nicht nur den anderen ihre Geheimnisse entlockt, sondern auch ihre eigenen Schwächen offenbart, trifft auf Einwanderer, sozial benachteiligte und ältere Menschen und stellt dabei fest, wie der Digital Divide und auch die Stadplanung in Los Angeles dazu beitragen, dass Fremde sich fremd bleiben.

 

Miranda July
Es findet dich

Erschienen im März 2012
Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-02097-7

Collage / Titel: Carmen Rüter