Leistbar, funktional und arbeitsfreundlich sollte sie sein, die Küche – der Traum einer jeden Hausfrau, zumindest in den goldenen 20er Jahren. Genau das realisierte die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky in den zwanziger Jahren mit ihrem Entwurf Frankfurter Küche, bis zur Perfektion brachte sie möglichst viele Funktionen auf wenig Platz unter.

Nun untersucht der Künstler Joonas Lahtinen mit der Performance EIN.KÜCHEN.BAU. den normierten Raum im Allgemeinen und das Konzept der Einbauküche nach Schütte-Lihotzky im Besonderen auf seinen Aktualitätsgehalt.
“Räume wirken bewusst und unterbewusst ständig auf das Leben der Menschen ein, diese können der Architektur nicht entrinnen,” spricht Lahtinen während der Performance durch ein Megaphon. Es ist ein Originalzitat Schütte-Lihotzkys, mit dem die BesucherInnen hier konfrontiert werden. Und dies Aussage ist nicht minder aktuell als vor gut 90 Jahren.

Joonas Lahtinen, Wahl-Wiener, ist in Helsinki, Finnland, aufgewachsen und hat nach eigener Auskunft, die Hälfte seines Lebens in Wohnungen mit Einbauküchen verbracht. Als er auf Luzie Stransky, eine junge Verwandte Margarete Schütte-Lihotzlys, trifft, entwickelt er, aufbauend auf dem Konzept der Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky, die Idee zu einer außergewöhnlichen Performance: EIN.KÜCHEN.BAU.
Soeben im brut Wien im Rahmen des Freischwimmerfestivals aufgeführt, ist die Performance nun in Zürich zu sehen.
Vorher haben sich Joonas Lahtinen und die Dramaturgin Luzie Stransky Zeit für ein Gespräch zwischen Architekturtheorie, Feminismus und Ikea genommen.

 

Wie kommt es zu dem nicht alltäglichen Interesse an einem architekturkritischen Thema, der Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky, sowie der dazugehörigen architekturetheoretischen, gesellschaftlichen und feministischen Kritik?

LUZIE STRANSKY: Ich bin mit Margarete Schütte-Lihotzky verwandt und hab sie als alte Frau kennengelernt. Daher bin ich mit der Thematik und auch mit der Kritik schon sehr lang vertraut.
Später in den 70er und 80er Jahre gab es eine feministische Kritik, die bemängelte, dass die Frankfurter Küche die Isolation der Frau vom Rest der Wohnung noch unterstützt und sie dadurch auf ihre Rolle der Hausfrau reduziert.

Im Hinblick auf die in den 1920er Jahren entwickelte Frankfurter Küche und ihre Position im privathäuslichen Refugium hat sich an unseren heutigen Ansprüchen an den Ort der Küche im Privathaushalt so einiges verändert…

JOONAS LAHTINEN: Heute ist vermehrt der Wunsch nach einer möglichst großen Wohnküche vorhanden, wo man mit Familie und Freunden gemeinsam kochen kann. Es geht um den Akt des Zusammenseins, der ja in der Frankfurter Küche überhaupt nicht vorkommt.
Dort ist der Raum allein auf die Arbeitsvorgänge ausgerichtet: es soll schnell, effektiv, kraftsparend – und man könnte vielleicht auch mechanistisch sagen – sein. So, dass der Hausfrau mehr Zeit für andere Dinge bleibt.

LUZIE STRANSKY: Bei der Entwicklung der Frankfurter Küche wurde das Prinzip des Taylorismus angewandt;, das Messen und Stoppen von Handgriffen und Wegen, das eigentlich aus der Industrie kommt und beispielsweise für die Optimierung von Fließbandarbeit verwendet worden ist. Schütte-Lihotzky hat dieses Prinzip dann auf die Hauswirtschaft übertragen.

JOONAS LAHTINEN: Sie hat kapitalistische Grundsätze auf sozialen Wohnbau umgelegt.

Welches Interesse hat letztendlich zur Entwicklung der Performance geführt?

JOONAS LAHTINEN: Mich interessiert die Diskrepanz zwischen normierter Einrichtung und dem Ort des Zuhauses. Für viele Leute ist die Küche ein Ort der Privatheit und der Selbstbestimmung. Ganz nach dem Motto: In meinem Haus und meiner Küche, da mach ich was ich will, das ist mein privater Raum.

LUZIE STRANSKY: Wir leben in einer normierten Welt. Es ist ein bedeutender Teil der Performance, wie wir unsere normierte Umgebung trotzdem als unser Eigenes begriefen, wie wir es personifizieren und es zum Zuhause zu machen.

Trotz der allgemein verbreiteten Indivisualsierung des Einzelnen, findet sich das Prinzip der Normierung in nahezu allen Lebensbereichen wieder. Wie geht die normierte Umgebung beispielsweise einer Einbauküche mit den heutigen Idealen nach Selbstbestimmung und Individualität einher?

LUZIE STRANSKY: Genau das ist der Punkt: Es ist alles normiert und von Individualität gibt es nicht im entferntesten eine Spur. Sehr spannend ist auch das Image, mit dem Einbauküchen und andere Einbauteile an die Frau gebracht werden. Slogans wie “Weil das dein Zuhause ist” oder “Kreiere deine ganz persönliche und individuelle Küchenlösung” sind sicher den meisten von uns bekannt.

JOONAS LAHTINEN: Heutzutage ist jede Ikea-Küche normiert und fast alle von uns haben entweder in der Küche oder anderswo normierte Teile in ihren Haushalten.
Welche Strategie wenden die Leute an, die mit einer Einbauküche wohnen? Wie macht man eine Wohnung zu seinem Zuhause? Diese Fragen werden besonders beim Einsatz einer Einbauküche interessant, weil hier einfach alles normiert ist. In EIN.KÜCHEN.BAU zeigen die Natur der Norm.

LUZIE STRANSKY: In einer Szene liest Joonas mit dem Megaphon einen Text aus dem Neufert (Standardlehrwerk für ArchitektInnen, Anm. d. Redaktion), während unser zweiter Performer, Andreas Wiesbauer, mit dem Habitus einer Stewardess unsere Bühnenküche ausmisst, die wir übrignes nach den Neuffertmaßen gebaut haben.
Da heißt es im Text, “Ein Abstand zwischen zwei Zeilen von 1,20m ist unerlässlich bei einer Küchentiefe von 60cm auf jeder Seite, somit Küchenbreite von 2,40m”.
Und dann legt Andreas sich auf den Boden, streckt die Arme aus und er ist tasächlich (!!) 2,40m lang bei ausgestreckten Armen und erfült damit exakt die Vorgaben der Norm. Da wird die Logik der Norm schon ein bisschen vorgeführt.

Im Standardwerk Neufert sind auf den Abbildungen lediglich Frauen zu sehen, die Küchenarbeit verrichten. Ich erinnere mich auch an die Normen für Bäder, in denen es sich Männer in der Wanne gemütlich gemacht haben, während sie sich von einer Frau waschen lassen.

JOONAS LAHTINEN: Wir haben eine Neufertauflage aus dem Jahr 2000 und da steht immernoch dass die Küche innnerhalb der Wohnung sowohl der Arbeitsplatz als auch der Aufenthaltsraum “der Hausfrau für viele Stunden” ist! Alle Architekturstudenten lernen nach dem Neufert und damit auch dieses Weltbild – das ist schon heftig. Andererseits könnte man auch fragen, ob es nur beinharte Fakten sind?

LUZIE STRANSKY: Stimmt, es ist nunmal noch immer so: die meiste unbezahlte Arbeit wird von Frauen erledigt. Es gibt ein Zitat von Schütte-Lihotzky, da sagt sie “Auch ich bin als Architekt darauf gekommen” und dass ihr Zugang kein spezifisch weiblicher ist. Das war ihr wichtig. Sie ist durch diese Küche so berühmt geworden, dabei hat sie noch soviele andere Dinge gemacht.

JOONAS LAHTINEN: Es war schon gut, dass sich damals viele Menschen eine solche Küche leisten konnten. Heute kannn man sagen, dass Ikea diesen Ansatz auf eine andere Art und Weise in die kapitalistische Logik eingeführt hat. Schütte-Lihotzly hat später sogar eine Ikeapreis bekommen.

LUZIE STRANSKY: Das war kurz nach der Wende, und sie hat mal gesagt, das war einer der wenigen Preise die mit Geld dotiert waren. Denn nach der Wende hat sie viele Ehrungen und Nominierungen erhalten. Sie ist bis zum Schluss Kommunistin geblieben und wurde in Österreich zur Zeit des kalten Krieges boykottiert. Nach der Wende war sie dann schon zu alt und konnte nicht mehr bauen.

Verortet Ihr den Schwerpunkt der Performance EIN.KÜCHEN.BAU in der repräsentativen Darstellung oder steht das Politische für Euch im Vordergrund?

JOONAS LAHTINEN: Das Kochen und Essen per se ist politisch, es ist Arbeit, es ist etwas Grundsätzliches was der Mensch braucht. Es ist derart substanziell, dass man ohne das Essen keine Arbeiten verrichten kann. Eduard Führ, ein Architekturprofessor, hat geschrieben, dass die Frankfurter Küche impliziert, dass das Kochen keinen Spaß macht..

LUZIE STRANSKY: Auch die Entwicklung der Normen ist politisch. Bei unserer Aufführung in Berlin war eine Rollstuhlfahrerein in unserer Einbauküche. Sie hat einfach nur zwei Schubladen aufmachen können, bei den höheren Schränken hatte sie keine Chance.

JOONAS LAHTINEN: Wann man einer Norm nicht entspricht, wirds schwierig.

LUZIE STRANSKY: Oder teuer. Ein Nachteil ist, dass man tatsächlich nur allein Platz hat in der Frankfurter Küche.

JOONAS LAHTINEN: Die Grundidee der Frankfurter Kücher ist, dass man alles mit einem Schritt – man kann es sich als einen Basketballschritt vorstellen – erreichen und öffnen kann – allerdings nur solang man der Norm entspricht.
Ich bin Linkshänder und in Küchen gibt es viele Dinge, wie beispielsweise den Dosenöffner oder das Öffnen der Mikrowelle, die einfach nicht oder schwieriger funktionieren. Wenn man selbst der Norm entspricht, denkt man oft gar nicht daran, dass Normen durchaus exkludierendes Potential besitzen. Ich denke, unsere Arbeit ist dann politisch, wenn wir Denksanstöße in diese Richtung geben können.

Website: Joonas Lahtinen
Photos: Florian Rainer

Das Gespräch wurde im Rahmen des Freischwimmer Festivals in Wien mit freundlicher Unterstützung des brut wien geführt.