Über den Vorgang des Publizierens eines öffentlichen Textes – zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Inszenierung und Selbstbestimmung: Thomas Wagensommerer, Medienkünstler, Musiker und Theoretiker, unternimmt eine essayistische Annäherung an den textuellen Schritt in den öffentlichen Raum.



Text: Thomas Wagensommerer
Bild: Louise Linsenbolz


An dieser Stelle möchte ich mich öffentlich machen.
Von nun an werde ich das auch bleiben, um diesen Text beenden zu können. Dies impliziert bereits ein unterhaltsames Paradoxon, wonach es mir ja tatsächlich auch nicht möglich wäre, etwas an diesem Platz zu hinterlassen, wäre ich nicht öffentlich. Analytisches Urteil a priori.

Ich verweise. Ich zitiere mich selbst als Urheber eines nicht öffentlichen bzw. nicht veröffentlichten Textes, dessen Impetus es war ein abstrahiertes Bild der Struktur von Unterhaltung zu zeichnen. Dieses abstrahierte Bild wurde zu einer Apotheose seiner selbst. Ich entschied mich deshalb, diesen Text einen privaten sein zu lassen und nun lediglich auf dessen Versäumnisse zu referenzieren.

Ich muss mir die Frage stellen, was mich daran hindert, eine absichtlich streng subjektiv Anhandlung eines allgegenwärtigen Themas mit Vehemenz nicht als solche auszuweisen. Ich behauptete nie, mich einer Allgemeingültigkeit verpflichtet zu fühlen. Im Prozess des Schreibens – ganz anders als im Prozess des Denkens – konnte ich jedoch die Faust einer Pseudoobjektivität im Nacken spüren, der ich mit Verbeugung nachgab.
Vermutlich wollte ich mich zu einem großen Teil ganz einfach nicht angreifbar machen. Dieses Faktum kann man vielen publizierten Texten attestieren. Und das aus einem guten und nachvollziehbaren Grund. Zu einem weiteren, vermutlich ebenfalls recht großen, Teil wollte ich mich selbst nicht zu ernst nehmen und habe diese Ernsthaftigkeit ins Abstrakte projiziert. Und dies passierte aus einer gemeinen Eitelkeit.

Doch genau dieser Vorgang des Sich-Aussetzens war (und ist gewissermaßen als Echo immer noch) Thema des eigentlichen Textes: Wer bin ich in der Öffentlichkeit und wie unterhält diese mich? Nun bin ich seit 1506 Zeichen öffentlich. Mein Selbst hat sich in dieser Zeit nicht spürbar verändert. Mein Menschschein, über das ich auch nicht mal annähernd ausreichend Bescheid weiß, erscheint mir unerschütterlich ähnlich wie vor Beginn des Textes. Jedoch bin ich mir andererseits bewusst, dass ich als Mensch unter bedingungsloser Mithilfe der
Rezeption eine Person konstruiert habe. Eine öffentliche Person. Mit Sicherheit ist es nicht meine erste Konstruktion einer ebensolchen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich bereits eine Vielzahl, die, wenn ich sie unter Kontrolle hielte, einander nicht in die Quere kämen. Ich bin mir sicher, ich konnte bzw. kann das nicht.

Woran liegt es aber, dass ich nicht im Stande bin eine klare Grenze zu ziehen? Ich behaupte – und ich behaupte das nur als Erklärungsversuch vor mir selbst – dass die Öffentlichkeit als eine sich meine öffentlichen Personen einverleibende Organisation eine Struktur etabliert hat, die wie ein schwarzes Loch ebendiese unwiderstehlich
anzieht und sie kollidieren lässt. Und diese Struktur erkenne ich als die Unterhaltung. Die Unterhaltung ist der Ordnungshüter einer Öffentlichkeit, die sich dadurch vor einer Mutation ihres immanenten sozialen Körpers zu schützen versucht. Kein bestehendes System würde per definitionem Elemente erschaffen, die das System selbst angreifen. Nun ist die Öffentlichkeit kein lediglich schaffendes System, sondern bezieht einen großen Teil ihres
Kompositums aus seinen Elementen. Man kann also sagen, dass sich mit jedem auftauchenden Element der Öffentlichkeit sich die Öffentlichkeit selbst adaptiert. Jedoch hat diese, wahrscheinlich unter tatkräftiger und ebenso naiver Mithilfe ihrer Elemente, einen Mechanismus zur Abwehr einer Verkrüppelung entwickelt.

Die Unterhaltung der Öffentlichkeit entfernt die Personen von ihrem Ursprung – dem Menschen – und schreibt ihnen fortan eine Selbstbestimmung zu, welche sich in einer geschickten Inszenierung verortet fühlen darf.

Und mit Genuss beiße ich in dieses Zuckerbrot.

Autor:
Thomas Wagensommerer lives and works in Vienna, Austria.
Studies of Digital Mediatechnology at the University of Applied Sciences St. Pölten,
Philosophy at the University Vienna, Transdiciplinary Art (TransArts) at the University of Applied Arts Vienna.
Works as mediaartist, musician and theoretician in both installative and performative ways.
Lecturer for Experimental Media at the University of Applied Sciences St. Pölten.
www.wagensommerer.at

 

Visuals: Copyright Louise Linsenbolz