Ein Interview mit Katja Kullmann, Essayistin und Sachbuchautorin, die in Berlin soeben ihr neuestes Buch präsentierte: Rasende Ruinen – Wie Detroit sich neu erfindet.

Katja Kullmann war im Herbst 2011 vor Ort im ehemaligen Zentrum der amerikanischen Automobilproduktion und porträtiert in ihrer literarischen Reportage eine Stadt im Spannungsfeld von Investment, Urban Sprawl und kreativer Klasse.
Das Schöne: Es geht vorrangig um die Menschen in Detroit, ihre Geschichten und ihr Engagement. Kullmann verdichtet ihre Reiseerfahrungen am Geburtsort des Techno zu einem Geflecht inspirierender Eindrücke, die in rasender Geschwindigkeit ein differenziertes Porträt des vieldiskutierten shitholes Amerikas zeichnen.

Im Herbst 2011 sind Sie für vier Wochen nach Detroit gereist. In welchem Kontext ist die Idee zu “Rasende Ruinen” entstanden und wieso ausgerechnet Detroit?

Detroit ist seit Jahren eine Art Fetischort für mich, schon seit ich 17 bin. Das liegt zunächst mal an der Musik. Ich bin ein Soul-Fan, sammle alte Schallplatten, und das hat mit verkratzten Motown-Scheiben aus Detroit angefangen. Irgendwann in den 90ern habe ich dann zum ersten Mal Bilder von dem berühmten verlassenen Detroiter Bahnhof gesehen. Die Geschichte der Stadt ist einfach faszinierend: wie dort einst der amerikanische Mittelklasse-Traum erblüht ist, mit anständigen Jobs und einem Eigenheim für alle, und wie diese Wohlstandsträume nach und nach zerplatzt sind. Ich habe mich immer gefragt: Wie kann es sein, dass die USA, die große Macht jenseits des Ozeans, solche Schwierigkeiten mit einem Ort hat? Ist es dort wirklich so arm und heruntergekommen? Dazu muss ich sagen: Ich mag die USA sehr, ihre Ideengeschichte und vor allem das „Amerika von unten“ – die Bürgerrechtsbewegungen, die Populärkultur, die tapferen Pionier-Legenden der einfachen Leute. Obwohl ich schon oft in den USA war, habe ich immer bewusst einen großen Bogen um Detroit gemacht. Ich hatte mir vorgenommen: Hier fahre ich nicht „einfach so“ mal hin, hier will ich mehr wissen. Vergangenen Herbst war es dann so weit – ich hatte etwas Zeit, etwas Geld und genau jetzt schien der richtige Zeitpunkt zu sein. Denn auch in Mitteleuropa sprechen wir neuerdings ja sehr viel über den Organismus „Stadt“, über die Gentrifizierung der beliebten Metropolen einerseits und die Verarmung der Shrinking Cities auf der anderen Seite. Wie wollen wir leben, was geschieht, wenn der Faktor „Arbeit“ für immer mehr Menschen wegbricht, wie verändert sich der Lebensraum? Mit diesen Fragen im Kopf bin ich jetzt endlich nach Detroit gefahren.